t r Cholera infantum ist ohne Zweifel zu allen Zeilen, und auf dem bei lein grössten Theilc der Erdoberfläche beobachtet, so häufig aber mit ichem Gastro -Inlestrnalkalarrh der Kinder verwechselt, und zudem, , dena meisl sporadischen, seilen epidemischen Vorherrschen, so wenig lifliland arzlUcher Miltheilungen geworden, dass man sich vergeblich lOtiefi würde, die Geschichte der Krankheit in vergangenen Jahrhun- Icn erörlern, oder selbst mit Sicherheil in specieller Weise über die Kraphische Verbreitung derselben in der Gegenwart urlheilen zu wol- l Indem ich daher auf eine erschöpfende Darstellung des Gegenstandes ychien muss, glaube ich denselben doch In geographischer und ätio- kcber Beziehung so vollständig als mdglich beleuchlet» und nament- i einzelne, bisher weniger beachtete Gesichtspunkte an demselben pde nach diesen Seiten hin bestimmter hervorgehoben zu haben. 254 Hirsch, kiatoriach gcographwchft Pi^tliologie. §. 122. Als eines der bemerkenswerlheslen Momenle in der geo- graphischen Verbreitung der in Frage siehenden Krankheit aniss zunächst der Umstand hervorgehoben werden, dass dieselbe für die wesl- liche Hemisphäre, und specieil den nördlichen Continent dersel- ben, eine ungleich grössere Bedeutung, als auf irgend einem Punkte der alten Welt gewonnen hat, so dass einzelne amerikanische Aerzle, wie u.1. Horner^) sie mit gewissem Rechte als „eine eigentlich anierikaniscbe „Krankheil'' (a disease so enlirely American) bezeichnet haben. — Den Untersuchungen von Polter zufolge ist Kindercholera unter den Ein^e- bornen des Landes unbekannt gewesen, auch liegt keine Nachricht vor, welche darauf schliessen Hesse, dass die Krankheit unter den ersten eu- ropäischen Ansiedlern auf Nordamerikanischem Boden vorgekommen wäre; erst nachdem sich in Städten eine grössere Bevölkerung angehäuft hatte, haben sich die ersten Spuren derselben bemerklich gemacht, und daher ist sie am frühesten in den allantischen Küstenstädten, später auch in den minieren und südlichen Staaten beobachtet worden; mit der zu- nehmenden Bevölkerung des Landes hat sich die Krankheit immer allge- meiner und häufiger gezeigt, sie ist nicht mehr auf volkreiche Ortschatten beschränkt geblieben, sondern auch aur dem flachen Lande, in Dörfern und selbst auf grösseren Farmen aufgetreten und erscheint jetzt als eine, fast über den ganzen Continent, von Quebec bis New -Orleans, und von der allantischen bis an die occanische Küste, wenn auch nicht gleich- massig, doch aligemein verbreitete, endemische Krankheit, und zwar als eine, der Kinderwelt so verderbliche, dass sie als eines der vorhen- schendslcn Leiden Nordamerikas überhaupt bezeichnet, vom Publikum und den Aerzten weit mehr als andere verderbliche Kinderkrankheiten gefürch- tet, und nicht mit Unrecht, wie es scheint, die „Pest des Landes*" ge- nannt wird. „It is the main outlet to the lives of a great many cbildren „every year," sagt Harrison^), „and when the rest of the communiiy „is comparatively heallhy, its ravages invadc the sancluary of infantile „feebleness, and sweep the fond anlicipalions of parental love to tbe „grave.** und zahlreiche Morlalilütslislen aus New York, Philadelphia, Bal- timore, Cincinnali und andern grossen Orten des Landes lehren, welche enormen Opfer die Krankheit in Nordamerika aiyährlich gefordert hat und i) Ich Kche hier eine alithabeUsch geordnete Vcbersleht der GeMmmt-LUtemtiir Ton (X Inf. in Kordamcrika: Bark er in New Y. med. Rcpns. V. N i. — Bericht mu der KT. „Neuen Zeit," abfcedr. in Joum. f. Kinderkr. l«Ä7. XXVIII. «9. — Caldwell, On Ifci ranse of the diffcrcnce in point of Irequeney and force, botween the endemic diMMCS « the U. 8. of America and those of the countries of Knropc. Philad.l8u8. — Callachai in Amer. J. of med. Sc. 1828. Novbr. 37. — Cartwriyht In Amcr. med. Record. X. ISJ liSfi. — Condio in PhilaU. J. of med. Sc. New 8er. I. 13. — Cooke in TraasjWaB. J* of Med. 1828. Mai IDO. — Dewccs, On the phys. and med. manaj^ement ofChUdren eCe. Lond. 1826. 443. — Drake, Notes concem. Cincinnati. Cincinn. 1810. 87. — Fear- ffeaod in 8t. Louis med. and surf?. J. 1844. Man. — Grant in Amer. J. of med. tt 186:». Juli 1(18.— Hallo well ibid. 1847. Juli 40.— Harrison In Tranaylvaoia J. of Med. 1828. FoUr. 100. — Harrison in Traosact. ot the Amer. med. Assoo. IL M9. — Rei- st is in Amcr. J. of med. 8c. 18S1. Mai »2. — Uexamer, die Kindercholcra oder Baia- mer-Complaiiit in den Vereinigrten Staaten etc. New York 1858. — Horner In Amer. J. of med. ßc. 182U. Febr. 249.— Uoisack Essays etc. N. Y. 1844. H. SM. — Howellb Amer. med. Becord. VI. 49. — Jewell in Amer. J. of med. 8c. 18eo. April S77.- Kiaf ibid. 185.r April 390. — Lindsley ibid. 18.*)9. Auf?. 301. — Little ihld. 1845. Jall Tt.- Mann in New Y. med. Repos. VIU. 810. — Meiffs in Amer. med. Roeord. HL 4iW. - Miller in NY. med. Repos. L N. 1. (I^jd. Med. writings etc. 378). — M'Kce In Sovtk. med. Reports IL 409. — MUnch, der 8Uat Missouri geschildert etc. New York 186«. - Neufville in Areh. fUr physiol. Heilkde. 185L S21. — Page m Amer. med. Reeori XVL 40. — Parker in Transact of the med. 8oc of the State of New York ltt7. - Parrish In North Amer. med. and gurg. J. H. 68. — Porter in Amer. J. of med. Sc. 1856. Octbr. 347. — Potter in BHltiraore med. and sorg. J. L 104. — Beybnra l> Transact. of the Amer. med. Assoc. VHL — Rash Med. Inqnir. and olMerr. PhÜ«^ 1788. ISL — Stewart £stay on Cholera Infimtom. New York 18M. t) In Traniylr. Joum« L c. Oiyn^KvinUieiteiL Cholen inümtiun. 355 noch immer fordert In Canada kommt Cholera inf. im Ganzen selten vor, eben so in Haine, von wo wir einen Bericht von Baker über das epi- demische Vorherrschen der Krankheit im J. 1800 In mehreren Städten des Landes haben; häufiger schon, und mit dem Charakter einer Endemie finden wir sie in den Neu -England -Staaten, wie u. a. in Massachusets (Mann, Curtis^)), den grössten Krankheitsheerd aber bilden die mittle- ren und südlichen atlantischen Staaten, so namentlich New-York (Hossack, Stewart, Parker, Hexamer, Bericht), wo, dem statistischen Berichte von DunneP) zufolge, innerhalb der Jahre 1805 — 1836 in der Stadt NY. jährlich im Mittel 150, im Jahre 1837 allein 253 Kinder der Krank- heit erlegen sind, ferner Pennsylvanien (Bush, Miller, Caldweii, Con die. Meigs, Howell, Parrish, Jewell, Callaghan), wo die Sterblichkeit an Cholera inf. in den grossen Städten, speciell in Philadel- phia, in manchen Jahren Va — Vs ^^^ Gesammlmorlafttäl unter den inner- halb der ersten 2 Lebensjahre gestorbenen Kinder beträgt 3), sodann Ma- ryland (Pott er), wo die Sterblichkeit an der Krankheit in Baltimore in- nerhalb der Jahre 1836—54 die enorme Summe von 4052 betrug, so dass also im Jahre durchschnittlich 213, im Jahre 1850 allein 347 Kinder der^ selben erlegen sind*), Washington, wo Cholera inf. nach Lind sie y so häufig ist, dass die Hälfte der in den Monaten Juni — October verstor- benen Kinder unter 2 Jahren meist ein Opfer dieser Krankheil ist, und Virginien. — In Nord- und Süd-Carolina sind es namentlich die grossen Küslenstädle, welche von Cholera inf. heimgesucht werden, wie namenlr lieh Charleslon und Sullivan Island (Porter), wahrend die Krankheit im Binnenlande, so u. a. nach Mc Kee in Baleigh, zwar alljährlich, aber massig verbreitet und mit weniger bösartigem Charakter auftritt. — Auch in den Golfstaaten herrscht Kindercholera in weitem Umfange endemisch, 10 nach Little in Gadsden Ct. u. a. 0. von Mittel-Florida, ferner in Ala- bama (Heustis), Mississippi und Louisiana, und dasselbe gilt von den mitUeren binnenländischen Staaten, so namentlich von Ohio (Cartwright, Drake, Harrison^), Kentucky (Harriso n^), Cooke) und Tenessee, wo die Krankheit im Allgemeinen zwar seltener, als in den atlantischen Staaten, speciell in Memphis aber doch so häufig ist, dass die Siadt den Namen des graveyard of children (Kinder -Kirchhof) führt (Grant). — In den westlichen und südwestlichen Staaten endlich kommt die Krankheit im Allgemeinen nicht so verbreitet und weniger bösartig, als in den bis- her genannten Gegenden vor, wiewohl sie auch hier in Missouri (Four- geaud, Reyburn, Münch), in Texas (Neufville) und in Calilornien (Hexamer, King) nicht selten in sehr verderblicher Weise angetroffen wird; so waren nach dem Berichte von Fourgeaud in St. Louis inner- halb der Jahre 1841 — 43 im Ganzen 1403 Kinder unter 5 Jahren gestor- ben, und von diesen 385, also mehr als Vs ^^ Kindercholera erlegen, und King sagt von Moniere y: „more children die of Cholera Infantum and Jobular pneumonie then from any other diseases Diesen Thatsachen gegenüber erscheint es nun zunächst sehr be- merkenswerth , dass die Berichterstatter aus Westindien, Centro- amerika und Südamerika des Vorkommens von Cholera infanL mit keinem Worte erwähnen, und wir dürfen um so weniger Anstand nehmen, 1) in Timaiaet of the Amer. med. Apoc IL 487. S) In Amer.'J. of med. Se. 1M8 Mnlt87. •) Im Jahn 1869, das lich durch dM seltene Vorkommen der Krankheit TOr firttheren Jnh- raa annelehnete, waren bei einer GeMmmtsterblichkeit von 8054 Kindern im Alter unter i Jfthren (oüt EinsohloM der Todtcebomen), 408 d. h. 18 püt. an Kinderoholera «eatorben. (J«w«ll). 4) Joynes in Amer. J. of mad. Se. 1860 Ootbr. 887, Friok Ibid. 1865 Ootbr. 818. 6) Amer. med, tranaMt. L c 8) TiamylT. J. «TMad. L e. 266 Birioh, Uitoriibh geogn^faiiclia P^Uiolagie. * hieraus den Schluss zu ziehen , dass die Krankheit daselbst jedenfklls n den selten beobachtelen gehört, als Pieasanls^) ausdrücklich erklär diese Kindergeissel Nordamerikas in Brasilien niemals gesehen zu habea.- £in gleiches Schweigen über jene Krankheit haben die Berichterst^.^ aus den tropischen und sublropischen Gegenden Afrikas und Asi^s beobachtet, und auch für diese Gegenden erscheint der Schluss von c^ jedenfalls seltenen Vorkommen der Krankheit daselbst gerechtfertigt. Waitz^) erklärt, innerhalb einer 12jährigen praktischen Thäügkeit Java nur zwei Fälle von Cholera inf. beobachtet zu haben. Was schll^^ lieh Europa anbetrifft, so kommt die Krankheit hier nachweisbar zi-*«- lieh allgemein verbreitet, und zwar vorzugsweise in grossen Städten, namentlich in Petersburg 3), Berlin, Wien, München 4), Stutlgardt^), E- burgh ^), London ''), Paris % u. s. w. jedoch meist sporadisch, zuweile^^ kleinen Epidemien, ^o u. a. 1748 auf Minorca ') und 1869 in München, Allgemeinen aber ungleich seltener, als auf der westlichen Hemisphäre und als eigentliche Endemie, soviel ich weiss, nur in vielen Gegen Griechenlands ^^) und in Orenburg vor, wenn anders die Ang^^ von May de II 13), dass daselbst alljährlich unter den Säuglingen Dur fälle herrschen, welche den dritten Theil derselben hinraffen , auf " Frage stehende Krankheit zu beziehen ist §. 1*23. Unter denjenigen Momenten, welche nachweisbar einen i oder weniger wesentlichen Einfluss auf die Genese von Cholera inf. äasac^ nehmen klimatische, resp. Tem pera turverhäitnisse eer^ schieden den ersten Rang ein. — Einen Maassstab für die Beurtheiln ^ dieses Einflusses bietet die Art der Krankheitsverbreilung auf der wesL^ chen Hemisphäre, wo Cholera inf. am häufigsten und verderblichsten i^ den mittleren und westlichen Staaten, seltener in Canada und den Neif England -Staaten, wie in den südwestlichen und südliehen Gegenden, aiP seltensten in den eigentlich tropisch gelegenen Breiten beobachtet wird, sO dass, bei einem Hinblick auf die eigenthümlich gestalteten, klimalischeo Verhältnisse Nordamerikas, und bei gleichzeitiger Berücksichtigung des jedenfalls sehr seltenen Vorkommens der Krankheit in den tropischen Ge- genden der östlichen Hemisphäre, die von Pott er ausgesprochene An- sicht alle Beachtung verdient, dass ein absolut heisses, wie ein absolut kaltes Clima der Krankheitsgenese am wenigsten günstig ist, dassCholera Infant, vielmehr in solchen Gegen- den am besten gedeiht, wo sich die grössten Unterschiede zwischen der (intensiv heissen) Sommer- und der (streng kalten) Wintertemperatur bemerklich machen, eine Annahme^ welcher die oben geschilderte Art des Vorkommens und der Verbreitong in Europa jedenfalls nicht widerspricht In weicher Weise sich nun dieser Einfluss des Climas auf die kind- liche Constitution geltend macht, steht dahin; das aber unterliegt keinem 1) Amer. J. of med. Sc. 18U Juli 88. t) On diseaies inddental to ohUdran in kot olimates. Bonn. 184S. 190. 8) Doepp in AbhandL Petenb. Aenta Y. 8SS. 4) Uauner Jonm. fUr Kinderkr. 18«0 XXXV. 125. 5) EUäatar In WOrtbc. mtL Corrtbl. XVl. 29. 6) ETAnson Handbaoh fl ErkenntniM und HeUuoff d. Kudcrkr. A. d. Enffl. Berl. 1888. 289. 7) Copland Wörterbuch eto. II. 164. 8) Cruveilhier M^d. prat etc. Paris 1821. SO, Bouehut Handbuch, der Kinderkr. A. d. Fr. Warzb. 1854. 548, Billard Trait^ des malad, def enfantt nonr.-n^ ete. Par. imk 414, Trousseau in Oai. des hopit. 185« N. 89, 1858 N. M, n. t. a. ») 1. e. 148. 10) Sehwartse (in Jonm. t Kinderkr. 1859 XXXII. 829) berlehtet, dasf iaaerhalb lO Jahrsi nur 40 Fälle Ton Cholera inL auf die patholoyiseh- anatomisehe Anstalt m WflrBbnry sir Seetlon gekommen sind. 11) Pallis in AnnaL mir. 18tt Apttt, Ol jmpiot is Bayr. med. CorrsbL 1840. 184, Landerer in Arch. der PhamiMi«. IWl Ngrkr. U) No&nnlU topogr. med. Orenborf . speet. Docpat IBM. Iielteii. Cholera infktittiffi. Ife!, dass hohe Temperatur eine wesentliche, ja. wie es scheint, esenltichste Ursache för das Vorkommen von Cholera inf. abgiebt. slringenten Beweis hiefur finden wir zunächst in der Art des Vor- liens der Krankheit während der einzelnen Jahreszeiten; Cholera i??t, dem übereinsUmmenden UriheiJe aller Beohachler zulol^e, aüs- eine Krankheil des Sommers (daher in Amerika nieisL unter ' iL ,,Siimmer Complaint" bekannt) » und tritt nor dort oder dann «rer oder späterer Jahreszeit auf, wenn die Temperatur, normaler ngewöhnlicher Weise, eine der Sommerwanne mittlerer Breiten Höhe erlangt haL So erscheint sie In Maine und den Heu -Eng- aalen erst im August (Barker, Mann), in den miitleren und *^*!en Slaaien, also in New- York, Pennsylvanien, Maryland, Vir^inlen, &I^7, Ohio, Missouri u. a., im Juli und August, häufig auch schon im :ier erst Im September und selbst Oelober, je nachdem die Som- t« früher einlriit oder länger anhält (Condie, Howell, Carl- Ä i u, a.), in den südlichen Siaaten endlich, in Nord* und Süd-Caro- fe Alabama, Mississippi, Louisiana u. a, schon im April oder Mai, »ie in Chadesion gemeinhin als ,,the April and Mai disorder*' be* ^nd getürchlet ist (Kush, Carlwright, HalloweU Heustis), i^^rh in Europa ist die Krankheit überall, als sporadisches Leiden, ft^s Endemie oder Epidemie, slels zur Somnierszeil, und ^war gewöhn- ttir Zeit der grösstcn Sommerhitze beobachtet worden. — Bis zu ib^tn Grade Cholera inf, in ihrem Anflrelen von diesem durch dieJah- 1 tiedingten Einflüsse abhiingig ist, geht u. a. aus lolgenden sialisti- en Daten hervor: Von 1,240 Kindern, welche innerhalb der Jahre I8l6*^26 in New- York der Krankheit erlegen waren, waren t2l5 in den mei- und Herbst-, die übrigen 30 in den Frühlings- und Wlniermona- gestorben n» Im Jahre 1837 starben daselbsl an Cholera Inf* 253 Kin- ; uod «war 220 in den Monaten Juli — September, 15 im Oelober und Best in den übrigen Monaten^); aus den statistischen Angaben von erson über die Morlalhätsverhältnisse während der Jahre 18^1 — ^40 idelphia ersehen wir, dass von 9394 Tode